KÖNIGIN VICTORIA UND DAS VIKTORIANISCHE ZEITALTER

Viktorianisches Zeitalter“, „viktorianische Gebäude“, „viktorianische Küchengärten“ – alles Begriffe, über die man immer wieder stolpert, wenn man Reiseführer über England liest und sich auf seinen Urlaub in England einstimmen möchte. Fragt man sich da nicht unweigerlich, wofür genau eigentlich „viktorianisch“ steht? Wer war Königin Victoria, die gleich mal einem ganzen Zeitalter ihren Namen gab?

Königin Victoria und das viktorianische Zeitalter
Königin Victoria

Königin Victoria und das viktorianische Zeitalter: Thronbesteigung und die Britischen Inseln zu Beginn des viktorianischen Zeitalters

Königin Victoria, die vor ihrer Krönung den Titel Alexandrina Victoria of Kent innehatte und 1819 geboren wurde, folgte ihrem Onkel König William IV. auf den Thron, als dieser 1837 kinderlos verstarb. Als sie selbst dann 1901 verstarb, hatte sie ganze 64 Jahre lang das Zepter über die Britischen Inseln und die Kolonien des Landes geschwenkt. Das hatte zum damaligen Zeitpunkt vor ihr noch kein König und auch keine Königin erreicht. Bekanntermaßen wurde sie inzwischen von der jetzigen Königin Elizabeth II. darin überholt.

 

Als im Juni 1837 die Glocken von Westminster Abbey zu Victorias Thronbesteigung läuteten, stand es um das Image des britischen Königshauses nicht zum Besten.

In den vorangegangenen Jahrzehnten hatte der verschwenderische Lebensstil des britischen Monarchen dazu geführt, dass das Königshaus unerhört unbeliebt bei seinen Untertanen war. Und das ist kein Wunder, wenn man bedenkt, welch gravierender Unterschied zwischen all dem Glanz und Prunk und den desaströsen Lebensbedingungen des Großteils der Untertanen bestand.

 

Denn das Leben der einfachen Menschen, die immerhin weitaus mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmachten, hatte sich durch die industrielle Revolution unglaublich verändert. Denn einerseits hatte Großbritannien gegenüber anderen Ländern Europas mit der Industriellen Revolution wirtschaftlich einen gigantischen Vorsprung erreicht. Andererseits wurde das Land jedoch eben von den negativen Aspekten der industriellen Revolution einfach überrollt. Gnadenlose Ausbeutung der Arbeiter, katastrophale Lebens- und Arbeitsbedingung in völlig überfüllten Städten, die mit Problemen wie Elendsvierteln und nicht funktionierender Kanalisation, hygienischen und gesundheitlichen Problemen für einen Großteil der Bevölkerung zu kämpfen hatten gehörten zum Alltag im Lande. Eine Lösung für all diese Probleme musste gefunden werden.

Königin Victoria und das viktorianische Zeitalter. Das neue Image des britischen Königshauses
Statue von Königin Victoria vor Windsor Castle

Königin Victoria und das viktorianische Zeitalter: Das neue Image des britischen Königshauses unter Victoria

Mit der Thronbesteigung Victorias änderte sich zunächst erst einmal das Bild des Königshauses gravierend. Die junge Königin hatte zwar keine direkten Machtbefugnisse, denn die lagen beim Parlament. Nichtsdestotrotz konnte sie ein Wörtchen in der Politik mitreden und sie krempelte sich quasi nach ihrer Thronbesteigung die Ärmel hoch und ließ sich durch ihre Berater in die Amtsgeschäfte einführen. Mit einem derartigen starken Willen hatte vermutlich nicht jeder gerechnet. Er machte sich auch bemerkbar, als es darum ging, ihren künftigen Ehemann zu suchen. Sie setzte sich gegen den Willen ihrer Berater durch und heiratete den deutschen Prinzen Albert aus dem Hause Hannover, genau genommen von Sachsen-Coburg und Gotha.

 

Mit ihrer Eheschließung wurde Victoria wurde zum Inbegriff eines soliden Lebenswandels und mit ihren neun Kindern zur Mutter der Nation, gar zur Mutter Europas. Denn sie verheiratete ihre neun Kinder an die Königshäuser ganz Europas, sodass schließlich sowohl der deutsche Kaiser als auch der russische Zar ihre Enkelkinder waren.

 

Ihr Ehemann Prinz Albert, der im Hintergrund Einfluss in die Politik und die Geschicke des Landes nahm. Er förderte während seiner 21 Jahre währenden Ehe mit Königin Victoria die liberale Reformbewegung im Lande. Vor allem verstand es geschickt, das Image des britischen Königshauses ordentlich aufzupolieren. Er nutzte neue Errungenschaften wie die Fotografie und ließ Aufnahmen des Herrscherpaares machen, die im ganzen Land verkauft wurden. Aus unserer heutigen Sicht mag dies nichts Besonderes sein. Doch so etwas hatte es bis dato noch nicht gegeben und die Verkäufe der Fotografien ließen auf die Beliebtheit des Herrscherpaares im ganzen Lande schließen, wenn man bedenkt, dass eine Großzahl der Haushalte ein Bild der Königin oder des Paares an ihrer Wohnzimmerwand hängen hatten.

 

Prinz Albert war darüber hinaus auch technisch außerordentlich versiert. Er stand den modernen Veränderungen seiner Zeit offen gegenüber und förderte sie. Bestes Beispiel ist die Organisation der ersten Weltausstellung, die 1851 im Londoner Kristallpalast stattfand und vom Königshaus initiiert wurde. Sie führte aller Welt vor Augen, welch fortschrittliches Land das Vereinigte Königreich zu diesem Zeitpunkt war.

Königin Victoria und das viktorianische Zeitalter. Fortschritt und Veränderungen im viktorianischen Zeitalter.
Viktorianisches Gewächshaus in Kew Gardens in London

Königin Victoria und das viktorianische Zeitalter: Fortschritt und tiefgreifende Veränderungen im viktorianischen Zeitalter

Zu den wohl sichtbarsten Veränderungen, zu denen es während der Herrschaftszeit Victorias kam, zählte der Ausbau des Eisenbahnnetz im ganzen Land. Neben wirtschaftlichen Aspekten veränderte die Eisenbahn die Gesellschaft, also die Mobilität der Menschen grundlegend. Aus unserer heutigen Sicht lässt sich das kaum nachvollziehen, welche enormen Veränderungen die Eisenbahn mit sich brachte, denn für uns gehören Eisenbahn, Auto und Flugzeuge zum Alltag. Doch man muss sich einmal vor Augen führen, dass vor der Einführung der Eisenbahn die Menschen lange unterwegs waren, wenn sie durch ihr eigenes Land reisten. Selbst eine Fahrt zum nächstgelegenen Ort war ein seltenes und bedeutendes Ereignis. Ein Großteil der Bevölkerung kam während ihres gesamten Lebens selten aus ihrem Dorf oder aus ihrer Stadt einmal heraus. Die Eisenbahn veränderte diesen Zustand völlig. Ortschaften, die vorher abgeschottet vom Rest des Landes gelegen hatten, konnten plötzlich erreicht und dadurch ganze Regionen neu erschlossen werden. Man denke hier nur an die Reisen in die Badeorte und Küstenstädte des Landes oder daran, dass plötzlich Reisen bis in das weitab gelegene Cornwall möglich wurden.

 

Wie wir heute alle wissen, brachte die industrielle Revolution so viele Neuerungen, die das Leben für die Menschen erleichterten. Dabei denke man nur an Elektrizität, die den Tagesablauf völlig veränderte oder an die Dampfmaschine, die das Arbeitsleben revolutionierte. Die Architektur änderte sich mit der Einführung von neuen Baumaterialien, vor allem der Verwendung von Stahl, der Konstruktionen möglich machte, die vorher undenkbar gewesen waren. Bestes Beispiel sind hier der Crystal Palace der Londoner Weltausstellung oder die viktorianischen Glasgewächshäuser, die auch heute noch in vielen Gärten zu finden sind, allen voran in den Kew Gardens bei London. 

 

Königin Victoria und das viktorianische Zeitalter. Fortschritt und Veränderungen durch die industrielle Revolution in England.
Eingang zum Victoria and Albert Museum in London

 

Neue Entdeckungen während der Herrschaftszeit von Königin Victoria brachten medizinische und hygienische Verbesserungen. Hier denke man beispielsweise an die Entdeckung des Zusammenhangs zwischen Krankheiten wie der Cholera und der Verunreinigung des Trinkwassers oder an die Verbesserung der Kanalisation. Das hatte enorme Auswirkungen auf die Verbesserung der Lebenserwartung, gerade auch bei Kleinkindern, denn das Leben in den Elendsquartieren, besonders in den Großstädten Englands, war zu jener Zeit furchtbar.

 

Die industrielle Revolution brachte gerade während der Herrschaftszeit von Königin Victoria auch enorme Veränderungen der Landschaft Großbritanniens mit sich. Die neuen Produktionsweisen, allen voran der Textilverarbeitung, der Spinnereien und der mechanische Webstuhl bedeuteten einen enormen Anstieg des Bedarfs an Wolle. Land wurde gerodet, das der Schafzucht Platz bieten sollte. Dabei kam es zu den sogenannten Einfriedungen, bei denen vorher öffentlich zugängliches Land, Wälder, in denen die Menschen sich Nahrung hatten suchen können, abholzt, das Land urbar gemacht und eingegrenzt, eben eingefriedet wurde. Doch Platz wurde auch für die Produktionsfabriken benötigt, die an vielen Orten, gerade an Flussläufen entstanden. Städte wuchsen, vor allem im Norden, beispielsweise in Liverpool, Manchester und Birmingham.

 

Die Städte entwickelten sich auch zu Umschlagplätzen für den Handel, gerade durch die Einbindung des Handels Großbritanniens mit anderen Ländern und mit den Kolonien des Landes. Denn während der Regierungszeit von Königin Victoria erreichte das Kolonialreich, das die Briten aufgebaut hatten, seine maximale Ausdehnung. Der Handel mit den Kolonien boomte und Großbritannien verzeichnete einen bis dahin unbekannten wirtschaftlichen Aufschwung, der den Menschen und vor allem dem sich im 19. Jahrhundert stark etablierenden Bürgertum zugutekam. Königin Victoria war so auch die erste britische Monarchin, die sich 1877 sogar die Kaiserkrone Indiens aufsetzte.       

 

Die Liste der Veränderungen in Großbritannien während der Zeit von Königin Victoria ließe sich noch unendlich lang fortsetzen. Während die Gesellschaft in anderen Ländern Europas brodelte und es zu Revolutionen und Aufständen beispielsweise in den 1848er-Jahren kam, blieben die politischen Verhältnisse auf den Britischen Inseln stabil. Trotzdem kam es zu vielen gesellschaftlichen und politischen Veränderungen. Einer der wichtigsten Punkte war die Änderung des Wahlrechts. Dadurch hatten viel mehr Menschen die Möglichkeit, selbst Einfluss auf die Politik des Landes zu nehmen. Das Wahlrecht war jedoch an Besitz gebunden und gab lediglich Männern das Recht, zu wählen. Im neuen Jahrhundert sollte sich dies vor allem durch die Suffragetten Bewegung noch ändern. Gerade die Schulbildung und das durch die industrielle Revolution gewachsene und sich fest etablierte Bewusstsein des Bürgertums, das seinen Beitrag zu den Veränderungen im Land genau kannte und seine Rechte einforderte, führte zu diesen Neuerungen im Land. In jener Zeit entwickelten sich auch aus den bisherigen beiden großen Parteien im britischen Parlament den Tories und Whigs schließlich die Konservativen und die Liberalen.

 

Als Victoria 1901 verstarb, hatte sich die Gesellschaft im Land während stürmischer Jahre gewandelt und war trotzdem im Vergleich zu anderen Ländern stabil geblieben. Bei ihrer Thronbesteigung hätten die Unterschiede zwischen Reich und Arm im Land nicht größer sein können. Bis zum Ende der Regierungszeit von Königin Victoria waren viele dieser Probleme wenn auch nicht behoben, so doch zumindest bedeutend verbessert. Während ihrer Regierungszeit wurde die Monarchie wieder zu einer festen und beliebten Institution im Lande.

 

Nichtsdestotrotz sollten die Zeiten ab der Jahrhundertwende dem Land neue Herausforderungen bringen.

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