DIE GESCHICHTE DER LONDONER U-BAHN - EINE KLEINE ZEITREISE ZURÜCK INS 19. JAHRHUNDERT

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Wer sich einmal für eine Weile in London aufgehalten hat, dort gelebt und täglich die U-Bahn benutzt hat, der weiß dass vor allem am Wochenende geschlossene U-Bahn-Stationen oder gar die Sperrung einer Strecke zur Normalität dazugehören. Denn die Londoner U-Bahn ist über die Jahrzehnte zu einer Dauerbaustelle geworden, da Reparaturarbeiten an dem alten Streckennetz an allen Ecken und Enden notwendig sind. Die Menschen drängen sich geduldig in den Zügen und auf den Bahnsteigen und stöhnen regelmäßig über die Tube. Doch im Grunde genommen lieben sie sie. Und das ist verständlich, denn schließlich geht ohne die Tube in Europas größter Stadt eigentlich nichts. Jeder ist auf sie angewiesen und sie ist DAS Transportmittel schlechthin. Mit ihr gelangt man so schnell in die Innenstadt und von A nach B, wie das mit Auto oder gar Bus im dichten Londoner Stadtverkehr niemals möglich wäre. Circa 33 Stundenkilometer fährt die Tube im Durchschnitt und wenn man sich in der Bahn befindet, fühlt man, wie die Züge durch die Tunnel zu donnern scheinen. Die Ankündigung „Mind The Gap“, sobald ein Zug auf einem Bahnsteig einfährt, gehört ebenfalls zum Alltag und zaubert bei Touristen oft ein Schmunzeln ins Gesicht.

Eingang zur U-Bahn-Station am Piccadilly Circus in London, England
Eingang zur U-Bahn-Station am Piccadilly Circus in London

2013 feierte die Londoner U-Bahn ihren einhundertfünfzigsten Geburtstag. Als 1863 der erste Zug der für den Bau der ersten U-Bahn der Welt gegründeten Metropolitan Railway unter der Erde entlangfuhr, war das eine Sensation, ein bis dahin undenkbares Ereignis! Zu verdanken war es dem unermüdlichen Einsatz eines Rechtsanwaltes und Lobbyisten namens Charles Pearson der 1845 zum ersten Mal öffentlich für eine unterirdische Bahn geworben und jahrelang Investoren für sein Projekt zu begeistern versucht hatte. Selbst das Datum darf man nicht einfach so hinnehmen, sondern sollte sich vor Augen führen, dass zu diesem Zeitpunkt die ersten Züge mit Dampflokomotiven noch gar nicht so lange durchs Land rollten, nämlich erst seit circa 20 Jahren. Nur so wird einem wirklich bewusst, welch fortschrittliche Idee Pearson verfolgte.

 

Charles Pearson wollte mit dem Bau der Untergrundbahn eine Verbesserung der Lebensumstände vor allem der Arbeiter erreichen. Schließlich muss man die Zustände in den Wohnvierteln und auf den Straßen der damals schon größten Stadt Europas einmal bedenken. Mitte des 19. Jahrhunderts boomte die britische Wirtschaft, die Kolonialmacht war das mächtigste Land Europas und der ganzen Welt. Demzufolge strömten die Menschen in die britische Hauptstadt, um dort ihr Glück zu finden. Doch die Stadt drohte aus den Nähten zu brechen. 2,5 Millionen Einwohner zählte die Stadt damals, unglaublich groß für damalige Verhältnisse! Wohnraum im Stadtzentrum war knapp und teuer, die Lebensumstände dementsprechend vor allem in den Arbeitervierteln und Slums eine Katastrophe. Am Stadtrand oder in der Umgebung von London zu leben, so wie das heute viele Pendler können, war einfach nicht möglich, da man dann zu lange bis zur Arbeitsstätte in der Londoner Innenstadt unterwegs gewesen wäre. Ohnehin mussten Tausende Arbeiter jeden Morgen kilometerlange Fußmärsche auf sich nehmen, nur um zur Arbeit zu gelangen. Unzählige Kutschen und damals noch von Pferden gezogene Busse bzw. Omnibusse, wie man zu jener Zeit noch sagte, waren auf den Straßen der Stadt unterwegs.

 

Die erste unterirdische Strecke der Stadt wurde schließlich vom Bahnhof Paddington bis zur Farringdon Street gebaut. Für diese wie für die nächsten Strecken wurden dazu noch Gräben gegraben, die Tunnel erhielten gewölbte Decken, die durch Eisenträger gestützt wurden. Nach Vollendung wurde der jeweilige Graben über den erbauten Tunneln dann wieder zu geschüttet, um es mit einfachen Worten auszudrücken. „Cut and cover“ nannten die Briten diese Methode. So erhielt die Londoner U-Bahn das typische Aussehen, das ihr den Namen „Tube“, das für „Röhre“ steht, bescherte. Doch dafür mussten Menschen, ihre Häuser und Gärten entlang der Strecke, weichen und es kam während der Bauarbeiten zu Unfällen. Doch auch nach Fertigstellung der Strecke kam es zu Zwischenfällen und Klagen wegen der Belastung durch den Dampf und Qualm in den Tunneln. Denn natürlich wurden zu diesem Zeitpunkt die U-Bahn-Züge mit Dampflokomotiven betrieben, denn an elektrische Leitungen gab es schließlich noch nicht.

 

Welchen Erfolg die U-Bahn bedeutete, sieht man an der Tatsache, dass sich die Bevölkerung von all diesen Hindernissen und Widrigkeiten nicht abschrecken ließ und von den Erleichterungen im täglichen Verkehr begeistert war. Aus den 30.000 Passagieren, die am ersten Tag mitfuhren, wurden in weniger als zwanzig Jahren 40 Millionen Fahrgäste jährlich. Es bedeutete eine enorme Verbesserung der Lebensumstände für die Londoner, die nun einerseits schnell vorankamen und andererseits, genau wie Charles Pearson es gehofft hatte, auch an den Stadtrand ziehen konnten. Das Leben der Londoner wurde so unwiderruflich verändert. Der Bau der U-Bahn bedeutete nun also gleichzeitig, dass sich London ins Umland auszubreiten begann. Kleine Dörfer am Stadtrand wuchsen, wurden eingemeindet und sind heute Stadtteile von London. Weitere U-Bahn-Strecken folgten, zunächst oft noch völlig unkontrolliert, denn die Bahnstrecken wurden von verschiedenen Gesellschaften gebaut und dann betrieben.

 

Die verschiedenen Bahngesellschaften wurden 1933 schließlich unter dem Namen London Transport zusammengefasst. Die Tube erhielt das runde Logo, das wir heute kennen und das Bahnsteige und Eingänge zu den Stationen ziert. Eine weitere besondere Innovation jener Zeit war der U-Bahn-Plan. Er wurde von Henry Charles Beck, einem technischen Zeichner und Mitarbeiter der Londoner U-Bahn in seiner Freizeit entworfen. Beck legte sein Augenmerk darauf, verlässlich alle Umsteigepunkte und die Verbindungen der verschiedenen Linien einzuzeichnen. Dies sollte den Fahrgästen eine bessere Orientierung bieten, auch wenn es bedeutete, dass die Strecken nicht, nicht wie bisher, eins zu eins den geografischen Gegebenheiten und Entfernungen entsprechen würden. Der Londoner U-Bahn-Plan diente als Vorbild für U-Bahn-Pläne weltweit.

 

Bis heute ist der Erfolg der Londoner U-Bahn ungebrochen und 3 Millionen Fahrgäste nutzen sie nun täglich. Man stelle sich nur einmal vor, was London ohne die Tube wäre: Es ist einfach nicht möglich!

 

Wer noch mehr über die Londoner U-Bahn erfahren will, dem sei während eines Besuchs in London das London Transport Museum, das sich in Covent Garden befindet, empfohlen. Weitere Informationen findet man auf der Webseite des Museums unter www.ltmuseum.co.uk.

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